Führung Mensch & Maschine

Führung zwischen Mensch und Maschine

Wenn „mach mal" nicht mehr reicht, weil der Kollege kein Mensch mehr ist.
📅 Juni 2026 ⏱ ca. 45 min Lesezeit
Ein Gießereiarbeiter steht neben einem arbeitenden humanoiden Roboter — man sieht ihm den Gedanken an den Tritt an, nicht die Tat.
Drei Uhr morgens. Der Kollege arbeitet. Der Roboter hat keine Ahnung, dass er da ist.

Der Anlass: eine Frage von der falschen Seite

Die Anregung zu diesem Artikel kam ausgerechnet aus der Branche der Headhunter. Eine Branche, die naturgemäß nah am Markt arbeitet und sich früh auf das einstellen muss, was Unternehmen suchen oder suchen werden. In der Regel reagiert sie dabei auf das, was gerade gebraucht wird, statt Jahre vorauszudenken. Das ist kein Vorwurf, sondern schlicht die Logik des Geschäfts.

Dieser Mann also stellte sich die Frage, welche Eigenschaften Führungskräfte künftig brauchen, um den Anforderungen des Marktes und der Kombination von Menschen und humanoidem Kollegen gerecht zu werden. Welche Voraussetzungen sind für Führungspositionen nötig, um beide zusammen als Team zusammenzubringen?

Wenn diese Frage schon dort gestellt wird, wo man eigentlich eng am aktuellen Bedarf arbeitet — sind wir als Menschen und als Gesellschaft dann schon an diesem Punkt und der daraus resultierenden Fragestellung angekommen? Werden wir damit früher konfrontiert, als wir gedacht haben? Und wer ist eigentlich der Treiber dahinter?

Die Frage nach der Beziehung zwischen Menschen und Maschine ist nicht neu. Eigentlich ist sie so alt wie die Geschichte von Frankenstein. Was sich geändert hat, ist das Tempo: KI und vor allem die Entwicklung innerhalb der Robotik geben dieser uralten Frage gerade eine Beschleunigung, die alles Bisherige in den Schatten stellt — und die sie deshalb genau jetzt in den Fokus rückt.

Bei ernsthafter Betrachtung ist die Frage gar nicht mal so blöd. Denn wenn wir wissen wollen, welche Eigenschaften eine Führungskraft künftig braucht, müssen wir erst einmal verstehen, woher Eigenschaften überhaupt kommen. Und da wird es interessant. Denn beim Menschen wissen wir es. Der Mensch wächst aus seinen Erfahrungen und aus seinem Umfeld, daraus entwickelt er seine Eigenschaften. Und das fängt lange vor dem ersten Arbeitstag an. Es beginnt im Elternhaus, in der Muttersprache, die zu Hause gesprochen wurde, in den Werten, die einem vorgelebt oder auch verweigert wurden. Es ist die Herkunft, die Kultur, in der Frau oder Mann aufgewachsen sind, der Glaube, der Halt gibt oder der irgendwann über Bord geworfen wurde. Es sind die Lehrer, die einen gefördert oder kleingemacht haben. Die Freunde, die Vorbilder, die Verluste. Jeder Mensch ist die Summe von tausenden solcher Einflüsse, an die er sich meist nicht einmal bewusst erinnert.

Diese Prägung sieht man den Menschen an. Wir kennen den Typ von Beruf Sohn, Großkotz im Quadrat, dem man seine Herkunft an jeder Geste ansieht. Wir kennen den Autodidakten, der sich alles selbst beigebracht hat und genau weiß, was er kann und was nicht — und dessen Stolz darüber in jedem Satz mitschwingt. Wir kennen den, der tausend Worte zusammenbringt ohne einen einzigen Inhalt, weil er nie gelernt hat, dass Schweigen auch eine Antwort sein kann. Und den, der sich immer hinter sich selbst versteckt, weil ihm irgendwann beigebracht wurde, dass Auffallen gefährlich ist.

Hinter jedem dieser Menschen steht eine Geschichte. Der eine ist so, weil er sich nie beweisen musste, der andere, weil er sich ein Leben lang beweisen musste. Der eine vertraut leicht, weil ihm Vertrauen geschenkt wurde, der andere misstraut allem, weil er zu oft enttäuscht wurde. Kultur, Religion, Herkunft, soziale Schicht. All das prägt nicht nur, wie ein Mensch sich verhält, sondern auch, wie er Hierarchie versteht, wie er mit Autorität umgeht, was für ihn Respekt bedeutet und wann er sich angegriffen und respektlos behandelt fühlt. Das ist keine Software, die man aufspielt und gelegentlich updatet. Das ist gewachsen, über Jahrzehnte, oft auch über Generationen.

Wir alle sind das, was wir sind, weil ein Umfeld uns geformt hat. Was bedeutet dann ein Umfeld, das in Zukunft durch den Maschinenbau mitgeprägt wird — kühl, sachlich, ohne Emotion? Was macht das mit den Menschen, die in einem so veränderten Umfeld arbeiten?

Und während wir noch darüber diskutieren, wachsen längst Kinder mit einem TikTok- und Instagram-Hirn heran, gefüttert von Algorithmen und getaktet von Maschinen, bedudelt und mit Informationen bespielt, deren Inhalt manchmal fraglich ist. Und es sind genau die, die später vielleicht führen und Entscheidungen treffen werden.

Vielleicht ist der Gedanke daher gar nicht so verkehrt, sich einmal mit dieser Fragestellung zu beschäftigen. Und wie immer am besten nicht von oben, aus der Vogelperspektive der Strategiepapiere und Abstraktion, sondern da unten im Betrieb, wo die Arbeit tatsächlich passiert.

Stell dir den Mann in der Nachtschicht vor. Drei Uhr morgens, der Ofen läuft, die Schicht ist nicht voll besetzt, die Halle eher leer. Er macht diesen Job jetzt seit zwanzig Jahren. Er macht ihn, weil er ihn macht, weil die Familie das Geld braucht, weil man irgendwo ja auch sein muss.

Neben ihm steht jetzt ein humanoider Roboter. Sein neuer Teamkollege.

Theoretisch könnte er ihm in den Hintern treten. Die ganze Nachtschicht lang. Der Roboter wäre nicht wirklich beeindruckt. Er würde nicht zurücktreten, sich nicht beschweren, nicht irgendwann schlechter gelaunt sein. Er würde weiterarbeiten, 24/7, so als wäre nichts gewesen. Weil für ihn auch nichts gewesen ist.

Hier lohnt sich schon der erste genauere Blick. Dass er sich das gefallen lässt, ist ja keine Charaktereigenschaft. Es ist eine Designentscheidung, die irgendwo ein Mensch so festgelegt hat. Festgelegt, dass dieser Roboter im Umgang mit uns bestimmte Werte einhält, dass er nicht zurückschlägt, nicht aufbegehrt und geduldig bleibt. Sein Gleichmut ist einprogrammiert. Er erträgt den Tritt nicht, weil er groß und gelassen wäre, sondern weil jemand entschieden hat, dass er ihn ertragen muss.

Das ist auch der Unterschied, der uns durch den ganzen Artikel begleitet. Wir reden hier bewusst nicht über Maschinen, die einfach gefühllos sind. Wir reden über humanoide Kollegen, die ihre Aufträge wie Menschen bekommen und denen programmierte Werte im Umgang mit uns mitgegeben wurden. Was wir dabei für eine Wesensart halten, ist in Wahrheit eine Entscheidung, die von jemandem getroffen wurde, den wir nie zu Gesicht bekommen.

Und genau an der Stelle fängt die Sache an, interessant zu werden. Denn die Frage ist nicht, ob das technisch funktioniert. Es wird funktionieren, hundertprozentig. Die Frage ist eher, ob uns das weiterbringt, ob wir so weit sind — und was das mit dem Mann in der Nachtschicht macht. Und mit dem, der ihn, beziehungsweise beide, führen soll.


Als „mach mal" noch reichte

Im letzten meiner Artikel ging es um Selbstorganisation. Die These war: „Mach mal" reicht schon beim Menschen nicht. Wer ein Team führt, muss das Ziel, Entscheidungsspielraum, Schnittstellen und Spielregeln, also den Handlungsrahmen konkret definiert setzen. Ohne diesen Rahmen entsteht keine Selbstorganisation, sondern es bleibt ein Vakuum. Was aber jetzt in diesem Artikel kommt, hängt aber nicht zwingend an dieser Organisationsform. Egal ob streng hierarchisch geführt wird oder selbstorganisiert, ob Konzern oder Handwerksbetrieb. Die Frage, wie sich Führung verändert, wenn ein Roboter mit humanoiden Zügen im Team steht, stellt sich überall gleich.

Beim Roboter dreht sich das auf eine fast schon ironische Weise um. „Mach mal" reicht hier nicht etwa deshalb nicht, weil es schlechte Führung wäre. Es reicht nicht, weil es technisch sinnvoll gar nicht geht. Ein Roboter kann mit „mach mal" nichts anfangen. Er braucht einen klar definierten Auftrag, ein präzises Ziel, einen abgesteckten Kontext. Ansonsten tut er entweder nichts oder das Falsche, und das mit voller Überzeugung.

Janelle Shane hat in ihren Arbeiten über künstliche Intelligenz unzählige Beispiele gesammelt, in denen genau das passiert: Der Roboter tut exakt, was man gesagt hat, nur eben nicht, was man gemeint hat. Er löst mit voller Hingabe das falsche Problem, weil die Aufgabe unsauber gestellt war. Was bei Janelle Shane als kuriose Anekdote daherkommt, ist im Betrieb bitterer ernst: Der Roboter hat kein Gespür dafür, dass ein Auftrag nicht so gemeint gewesen sein kann. Er kennt nur das, was tatsächlich gesagt wurde.

Der Mensch verzeiht schon eher unsere manchmal unscharfen Ansagen. Er füllt die Lücken selbst. Er weiß aus Erfahrung, was gemeint ist, auch wenn es vielleicht nicht gesagt wurde. Er fragt nach, wenn etwas keinen Sinn ergibt. Der Roboter macht nichts davon. Er nimmt, was er bekommt, und führt es aus.

Der Roboter erzwingt damit genau die Klarheit, die wir Menschen uns gegenseitig jahrelang erlassen haben. Er ist in gewisser Weise der ehrlichste Mitarbeiter, den ein Betrieb je hatte: Er zeigt schonungslos, wie unscharf wir eigentlich führen.

Ein Wort zur Eingrenzung dieses Artikels: Wenn ich hier vom Roboter rede, meine ich den humanoiden Kollegen, der über uns Menschen seine Aufträge bekommt und neben dir an der Maschine steht. Nicht jede Software, nicht jeden automatisierten Ablauf, den man heute in den Betrieben findet. Dass im Hintergrund auch gesichtslose Systeme Tätigkeiten übernehmen, die früher Menschen gemacht haben, ist wahr, aber ein eigenes Thema. Hier geht es um den Roboter, den man theoretisch in den Hintern treten könnte.


Das Menschenbild, das nicht mehr greift

Die ganze moderne Führungslehre baut auf einem Bild vom Menschen auf. Und dieses Bild hat sich über mehr als hundert Jahre entwickelt. Am Anfang stand der „economic man": der Mensch als schlecht funktionierende Maschine, die man mit Geld antreibt und sonst in Ruhe lässt. Dann kam die Erkenntnis, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das Anerkennung und Zugehörigkeit sucht, der „social man". Später der Mensch auf der Suche nach Selbstverwirklichung und Sinn. Dann, schließlich das systemische Bild: der Mensch als komplexes Wesen, das seine Umwelt gestaltet und von ihr gestaltet und beeinflusst wird.

Die Führungslehre hat sich also mühsam über ein Jahrhundert vom mechanischen Menschenbild wegentwickelt. Weg vom Menschen als Maschine, hin zu Beziehung, Motivation und Sinn. Das war Fortschritt. Das war und ist richtig.

Und jetzt steht plötzlich in der Betriebshalle eine Maschine, bei der nur noch das greift, was die Führungslehre als überwunden, als zu primitiv verworfen hat. Klare Eingabe. Klares Ziel. Kein Sinn nötig, keine Anerkennung, keine Zugehörigkeit. Der Roboter ist der „economic man" in Reinform — sogar das Geld braucht er nicht.

Die Führungskraft muss damit zwei Menschenbilder gleichzeitig bedienen, die sich eigentlich ausschließen: das hochentwickelte und beziehungsorientierte für die Menschen. Dazu gleichzeitig ein quasi-mechanisches für den Roboter. Im selben Team. In derselben Schicht. Manchmal an derselben Maschine. Taktgebunden Hand in Hand.

Das ist keine Kleinigkeit. Wer den ganzen Tag zwischen diesen beiden Modi hin- und herschalten muss, läuft Gefahr, sie zu verwechseln. Den Menschen wie den Roboter zu behandeln — klare Ansage, keine Rückfrage, kein Gespräch. Das ist der eigentliche Fehler, der hier droht. Nicht der Roboter ist das Problem. Sondern dass wir uns an seine Art zu „kommunizieren" gewöhnen und sie auf die Menschen übertragen.

Die sozialwissenschaftliche Forschung zur sozialen Robotik weist auf etwas hin, das diese Verwechslungsgefahr noch verschärft: Sobald ein Roboter im Team steht, behandeln wir ihn fast automatisch als sozialen Gegenüber — wir reden mit ihm, schreiben ihm Absichten zu, beziehen ihn in die Gruppe ein. Muhle und seine Mitautoren zeigen, dass diese Zuschreibung passiert, ob wir wollen oder nicht. Das macht es für die Führungskraft umso wichtiger, den Unterschied bewusst zu halten, den das Team unbewusst einebnet.


Der Kanal, den wir verlieren

Es gibt aber auch etwas, das beim menschlichen Kollegen ständig mitläuft, ohne dass wir es bewusst registrieren: Wir lesen ihn. Den Blick, der sagt „das wird knapp jetzt". Eine Körperhaltung, die zeigt, dass er am Limit ist, bevor er ein Wort darüber verliert. Das Zögern vor der Antwort. Den Gang über den Hof, an dem du erkennst, ob es heute eine gute oder schlechte Nachtschicht war.

Das ist kein esoterischer Kram. Der größte Teil unserer Kommunikation läuft nicht über Worte. Albert Mehrabian hat das schon vor Jahrzehnten untersucht, und seither ist immer wieder bestätigt worden: Der Mensch sendet permanent Signale, von denen er selbst nichts weiß. Ein erfahrener Mensch liest Haltung, Gestik, Tonfall und Abstand. Nicht, weil er es gelernt hat, sondern weil er es als Mensch unter Menschen ja nie verlernt hat.

Genau dieser Kanal fällt beim Roboter weg. Und zwar in beide Richtungen.

Der Roboter sendet keine ehrlichen Signale

Er hat kein Zögern, das Unsicherheit verrät. Keine Körperspannung, die Stress anzeigt. Wenn er einen Fehler macht, kündigt sich das nicht an, er macht ihn einfach. Beim Menschen siehst du es kommen. Du merkst, wenn einer unsicher wird, wenn etwas nicht stimmt, wenn jemand kurz davor ist, einen Bock zu schießen. Beim Roboter verlierst du dieses Frühwarnsystem komplett.

Und falls er Körpersprache simuliert, ein freundliches Nicken, ein Lächeln, eine zugewandte Haltung, wird es eher noch gefährlicher. Dann liest du Signale, die nichts bedeuten. Du vertraust einer Körpersprache, hinter der niemand steht. Genau das ist das alte Unbehagen, das Menschen empfinden, wenn eine Maschine fast menschlich wirkt, aber eben nur fast.

Christoph Bartneck und seine Mitautoren beschreiben in ihrer Arbeit zur Ethik in KI und Robotik genau dieses Problem als Anthropomorphisierung: Wir neigen dazu, Maschinen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, sobald sie auch nur ansatzweise menschlich auftreten. Und wir laufen Gefahr, eine einseitige emotionale Bindung aufzubauen zu etwas, das nichts zurückgeben kann.

Und dafür braucht es nicht einmal einen Roboter. Wir erinnern uns ans Tamagotchi, dieses Plastikei, das gefüttert werden wollte und um das Kinder echte Tränen vergossen haben, wenn es „starb". Wir geben dem Auto einen Namen und dem Staubsaugerroboter gleich mit. Und ehrlich: Wie nervös werden wir, wenn das Handy nicht da ist, wo es sein sollte? Das ist längst kein Werkzeug mehr, an dem unser Herz hängt, es ist ein Stück von uns. Wenn wir schon bei einem Plastikei und einem Telefon so ticken, wie soll es dann erst bei einem Kollegen sein, der aussieht wie ein Mensch und antwortet wie einer?

Im Betrieb ist das keine akademische Spitzfindigkeit. Ein Kollege, der freundlich nickt, weckt Vertrauen. Wenn hinter dem Nicken nichts steht, ist dieses Vertrauen eine Falle, die wir uns selbst stellen.

Der perfekte Beichtvater?

Und damit sind wir bei einer Frage, die mir keine Ruhe lässt. Wenn wir mit dem Roboter sprechen und das werden wir, darauf können wir uns verlassen, dann werden wir ihm irgendwann auch private Dinge erzählen. Sorgen, Ärger, vielleicht Dinge, die wir keinem Kollegen sagen würden. Schließlich gehen wir davon aus, dass er schweigen kann.

Die perfekten Eigenschaften dafür hat er ja. Er ist geduldig, er urteilt nicht, er ist nicht beleidigt, trägt nichts nach, plaudert nichts in der Kaffeeküche aus. Genau das, was ihn als Beichtvater so attraktiv macht, verführt dazu, ihm Dinge anzuvertrauen, die man sonst für sich behalten würde.

Nur: Beim Menschen ist das Schweigen eine Entscheidung. Der Kollege am Pausentisch könnte petzen, tut es aber nicht, weil Vertrauen zwischen Menschen etwas wert ist. Beim Roboter gibt es diese Entscheidung nicht. Ob das Gesagte für sich bleibt, ist kein Vertrauensakt, sondern eine Frage der Programmierung und der Datenleitung. Wohin gehen die Worte, die du ihm anvertraust? Wer hört mit, der Hersteller, der Betrieb, irgendein Server in einer Cloud, von dem du nie etwas gehört hast?

Das ist die unbequeme Frage hinter dem freundlichen Zuhörer: Du redest mit dem Roboter. Aber bist du sicher, dass am Ende nur der Roboter zuhört? Schweigen können heißt nicht schweigen wollen und wollen kann eine Maschine ohnehin nicht. Es bleibt nur das, was ihr jemand einprogrammiert hat. Oder eben nicht.

Der Roboter empfängt sie auch nicht

Der erfahrene Kollege merkt, wenn der Azubi neben ihm überfordert ist, und fängt ihn auf, bevor etwas passiert. Diese stille soziale Korrektur, das Füreinander-Einspringen, ohne dass jemand darum bitten muss, fehlt an der Mensch — Maschine Schnittstelle vollständig. Der Roboter sieht nicht, dass du müde bist. Er sieht nicht, dass es heute besser wäre, dir nicht zu sehr über den Weg zu laufen.

Was beim Menschen ein Blick geregelt hat, braucht beim Roboter eine definierte Schnittstelle. Das, was früher unausgesprochen funktioniert hat, muss jetzt ausgesprochen, festgelegt, in Regeln übersetzt werden. Wieder einmal: mehr Führungsarbeit und nicht weniger.


Ein Kollege ohne Reibung

Kommen wir zurück, zu dem Tritt in den Hintern. Er ist mehr als ein Bild — er steht für etwas Grundsätzliches.

Beim Menschen gäbe es eine Reaktion. Kränkung, ein Konflikt, ein lautes Wort, vielleicht ein Gespräch danach, am Ende möglicherweise sogar Verständnis. Reibung eben. Und Reibung ist — ich habe das in den zehn Grundsätzen schon geschrieben — der Rohstoff für echte Lösungen. Ein Team wächst nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch die produktive Reibung zwischen unterschiedlichen Menschen und ihren verschiedenen Charakteren.

Der Roboter bietet keine Reibung. Er ist nicht beleidigt, er wird nicht müde, er tritt nicht zurück. Das klingt erst mal nach dem perfekten Kollegen, keine Konflikte, keine schlechte Laune, keine Fehlzeiten. Aber ein Kollege, an dem sich nichts reibt, ist eben auch einer, an dem man nicht wächst. Von dem man nichts lernt, mit dem man nichts aushandelt.

Die Frage, ob uns das weiterbringt, ist deshalb keine rhetorische. Ohne Zweifel ist die Maschine effizienter. Aber Effizienz ist nicht das Einzige, was einen Betrieb ausgemacht hat. Der Pausentisch, das Frotzeln, der Streit und die Versöhnung. Das war nie im Arbeitsvertrag, aber es war der Kitt, der ein Team zusammengehalten hat.


Die Summe dessen, was uns geprägt hat

Bevor wir darüber reden, wohin sich Führung entwickeln muss, müssen wir erst ehrlich darüber reden, womit wir es - bei uns als Menschen - überhaupt zu tun haben. Denn hier liegt der eigentliche Unterschied und der ist größer als jede Frage nach Wissen oder Geschwindigkeit.

Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen. Wir sind das, was das Leben aus uns gemacht hat. Geformt durch Lachen, Weinen, Wut, Schmerz und manchmal durch unendliche Trauer. Niemand kommt fertig auf die Welt und niemand wird programmiert. Wir wachsen, wir stoßen uns, wir lernen aus dem, was wehtut, und aus dem, was uns trägt. Das macht uns aus.

Und das macht uns auch unberechenbar. Manche von uns sind Dynamit mit kurzer Zündschnur. Du weißt nie genau, wann es knallt, aber du weißt, dass es knallt. Andere sind weich wie Wasser, das du nicht halten kannst, das sich jeder Form anpasst und dir einfach durch die Finger läuft. Dazwischen liegt die ganze Bandbreite dessen, was einen Menschen ausmacht. Keiner davon ist ein Fehler im System. Jeder davon ist ein Mensch.

Genau hier liegt aber auch der Gegensatz zum Roboter, und er ist fundamental. Seine Eigenschaften wurden ihm gegeben. Unsere haben wir erlebt, erlitten, erkämpft. Der Roboter hat keine Narben und deshalb versteht er auch keine. Er kann nicht nachvollziehen, was es heißt, nach einer schweren Nacht trotzdem zur Schicht zu kommen, weil er nie eine schwere Nacht hatte. Was im Effizienzdenken wie ein Defizit aussieht, unsere Stimmungen, unsere Verletzlichkeit, unsere Unberechenbarkeit, ist in Wahrheit die Grundlage von Urteilskraft und Mitgefühl. Die emotionslose Entscheidung, die wir der Maschine als Stärke anrechnen, ist für die Führung von Menschen nicht die höhere Form. Sie ist die wesentlich ärmere.

Der Kompromiss, der nicht aufgeht

Daraus folgt konsequenter etwas, das ich nicht beschönigen kann. Ich habe vorhin von der Führungskraft als Übersetzer zwischen zwei Welten geschrieben. Das klingt schön, fast lösbar. Aber seien wir ehrlich: Es wird nicht vollständig gelingen, beide Welten gleich gut zu bedienen.

Wer der Maschine gerecht wird — mit Präzision, Kontext, klaren Grenzen — neigt dazu, den Menschen zu vernachlässigen. Wer ganz beim Menschen ist — bei seinen Stimmungen, seiner Geschichte, seinem Unausgesprochenen — wird der kühlen Logik der Maschine nicht immer gerecht. Jeder Kompromiss zwischen diesen beiden Welten hat einen Preis. Und diesen Preis zahlt unweigerlich am Ende immer jemand.

Besonders hart wird das im Multikulti-Team. Da prallen schon zwischen den Menschen ganz unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Was Hierarchie bedeutet, was Schweigen heißt, was Respekt ist, wie man einen Konflikt austrägt. Diese Vielfalt zu führen ist für sich genommen schon eine Kunst. Und jetzt kommt der Roboter als weiterer Kollege dazu, einer, der völlig anders funktioniert als alle anderen. Die Führungskraft soll all das gleichzeitig zusammenhalten. Wer ehrlich ist, gibt zu: Das ist nicht vollständig leistbar. Es ist ein dauernder Balanceakt, bei dem man mal nach der einen, mal nach der anderen Seite kippt.

Vielleicht ist die wichtigste Einsicht die, dass es die perfekte Lösung nicht gibt. Es gibt nur den ehrlichen Umgang mit einem Kompromiss, der nie ganz aufgeht. Wer behauptet, er könne beide Welten mühelos bedienen, hat eine von beiden weder verstanden noch ernst genommen.

Auch dieser Text unterliegt dem

Und damit das nicht zu abstrakt bleibt, ein Wort in eigener Sache. Auch ich, der diesen Artikel schreibe, unterliege genau diesem Einfluss. Dieser Text wird ein anderer, je nachdem, ob ich ihn schreibe, während Rachmaninow läuft, oder Blues, oder auch — Dank meiner Tochter — persischer Jazz. Die Stimmung sickert in jeden Satz, ob ich will oder nicht.

Gleiches gilt für dich, der ihn liest. Du nimmst ihn anders auf, je nachdem, wo du gerade bist. Es ist ein anderer Text, wenn du ihn am Strand von Mallorca liest, oder wenn du ihn morgens in der S-Bahn überfliegst, eingequetscht zwischen müden Gesichtern. Glaub es mir.

Genau das ist der Punkt. Ein solcher Satz — dieses Wissen darum, wie sehr Umgebung und Stimmung das Verstehen färben — wäre einer Maschine nie eingefallen. Nicht weil sie zu dumm wäre. Sondern weil sie nie am Strand gesessen und nie in der S-Bahn gestanden hat. Sie weiß nicht, was Rachmaninow mit einem Menschen macht. Sie kann ihn analysieren, Takt für Takt. Berührt hat er sie nie.


Wohin sich Führung entwickeln muss

Wenn das Menschenbild als Werkzeug beim Roboter nicht mehr greift und stattdessen technisches Verständnis und präzise Auftragsklärung in den Vordergrund rücken, wohin muss sich die Führungskraft dann entwickeln?

Ich glaube, in drei Richtungen gleichzeitig. Keine davon darf die andere völlig verdrängen.

Erstens: technisches Verständnis, das tief genug reicht

Wer einen humanoiden Roboter im Team hat, muss verstehen, was der kann und vor allem was er nicht kann. Nicht auf Niveau des Programmierers, aber tief genug, um einen sinnvollen Auftrag zu formulieren und zu erkennen, wann das Ergebnis nicht stimmen kann. Eine Führungskraft, die das an einen externen Dienstleister auslagert, gibt genau die Kontrolle sonst ab, die ihre eigentliche Aufgabe ist.

Zweitens: die Fähigkeit, präzise Aufträge zu formulieren

Das klingt banal, ist es aber nicht. Wer dem Roboter einen klaren Kontext mit Aufgabe und Ziel übermitteln muss, lernt nebenbei etwas über sich selbst: nämlich wie unpräzise er bisher geführt und kommuniziert hat.

Und genau hier liegt der Punkt, der über den Roboter hinausgeht. Die klare Formulierung ist für beide Seiten aus unterschiedlichen Gründen wichtig. Der Roboter braucht sie, um seine Arbeit überhaupt machen zu können; ohne präzisen Auftrag tut er nichts oder das Falsche. Der Mensch braucht sie, um korrekt arbeiten zu können, um selbst zu formulieren, wann das Ziel erreicht ist und um am Ende daran fair gemessen zu werden.

Das ist der Teil, der in vielen Betrieben wirklich fehlt. Wo Aufgabe und Ergebnis nicht klar formuliert sind, bleibt zur Leistungsbeurteilung am Ende nur die nackte Kennzahl, die selten die ganze Geschichte erzählt. Wer aber vorher klar gesagt hat, was die Aufgabe ist und woran sich ihr Gelingen zeigt und misst, gibt dem Menschen die Möglichkeit, seine eigene Leistung einzuordnen. Das auch jenseits von Stückzahlen und Ausschussquoten. Der Roboter zwingt uns zu dieser Klarheit. Der Mensch hätte diese dabei schon immer verdient.

Damit ist Präzision also keine verlorene Mühe. Wer einmal gezwungen war, einen Auftrag wirklich klar zu denken, formuliert ihn auch für den menschlichen Kollegen klarer.

Drittens — und das ist das Wichtigste: die menschliche Seite nicht verlieren

Genau weil der technische Aspekt nach vorn drängt, besteht die Gefahr, dass die Führungskraft zum reinen Auftragsverteiler wird. Zum Menschen, der nur noch Kontexte definiert und Ergebnisse prüft. Das wäre der Sündenfall. Denn die Menschen im Team bleiben Menschen. Sie brauchen weiterhin das, was sie immer gebraucht haben: jemanden, der ihre Körpersprache liest, der merkt, wenn es brenzlig wird, der den Sinn vermittelt, den der Mann in der Nachtschicht vielleicht nie von selbst findet.

Die Führungskraft der Zukunft ist ein Übersetzer zwischen zwei Welten: Sie muss der Maschine geben, was die Maschine braucht. Präzision, Kontext, klare Grenzen. Und dem Menschen geben, was der Mensch braucht Beziehung, Sinn, das offene Ohr für das Unausgesprochene. Wer nur eines von beidem kann, ist für dieses Team die falsche Besetzung.

Und wer bringt es dem Nachwuchs bei?

In meinen vorigen Artikeln war auch der Nachwuchs immer ein Thema, und er gehört auch hierher. Denn was passiert mit einem jungen Menschen, der von seinem ersten Tag an mit Roboter-Kollegen arbeitet? Der nie nur eine Werkstatt erlebt hat, in der ausschließlich Menschen standen?

Das Menschenlesen, von dem ich vorhin geschrieben habe, lernt niemand im Klassenzimmer. Man lernt es, indem man jahrelang neben Menschen steht, ihre Stimmungen mitbekommt, lernt, ein Zögern zu deuten und einen Blick richtig zu lesen. Dieses Lernen passiert nebenbei, unbewusst, über die schiere Menge an menschlichem Kontakt.

Angenommen die Hälfte eines Teams besteht aus Maschinen, die keine Signale senden, dann fehlt dem Azubi schlicht die Übung. Er bekommt weniger menschliche Reibung mit, weniger Stimmungen, weniger von dem, woran man das Lesen überhaupt erst lernt. Die Gefahr ist nicht, dass er den Umgang mit der Maschine nicht lernt, den lernt er spielend. Die Gefahr ist, dass er den Umgang mit dem Menschen verlernt, bevor er ihn je richtig gelernt hat.

Das ist eine neue Ausbilderaufgabe, die es so vorher nicht gab: dafür zu sorgen, dass der Nachwuchs trotz der Maschinen genug menschliche Erfahrung sammelt, um Menschen führen zu können. Wer das dem Zufall überlässt, bildet eine Generation von Führungskräften aus, die mit Maschinen perfekt umgehen kann, aber mit Menschen nicht mehr.

Und wenn der Lehrer selbst eine Maschine ist?

Doch damit ist die Frage noch nicht zu Ende gedacht. Bisher habe ich vom Roboter als Kollegen des Azubis geredet. Aber drehen wir es weiter: Hast du irgendwann den Kollegen aus Vollplastik und Servomotoren im Klassenzimmer stehen? Ist der Humanoide nicht nur Mitarbeiter in der Werkstatt, sondern auch Lehrer in der Berufsschule?

Und mal ehrlich — außerhalb des Kontexts, in dem sich ein Berufsschullehrer bewegt, ist da nicht viel, was ein Humanoider nicht auch mitbringen könnte. Den Stoff kennt er besser. Er ist immer auf dem aktuellen Stand, unendlich geduldig, nie schlecht gelaunt, hat keinen Lieblingsschüler und keinen, den er auf dem Kieker hat. Wer Ausbildung nur auf die Vermittlung von Fachwissen reduziert, kommt faktisch zu einem unbequemen Schluss: Der Lehrer ist ersetzbar.

Aber genau da liegt leider derselbe Denkfehler wie beim perfekten Anführer. Ausbildung war nie nur Wissensübertragung. Der Berufsschullehrer und der Ausbilder im Betrieb geben idealerweise etwas weiter, das in keinem Lehrplan steht: Haltung. Das Vorbild. Das „so macht man das nicht". Die Geschichte hinter der Regel, den Grund, warum etwas so und nicht anders gemacht wird. Es ist genau das implizite Wissen, das keinen USB-Anschluss hat und das man nur weitergeben kann, wenn ein Mensch neben einem anderen steht.

Und hier schließt sich die bitterste Schleife: Wenn der Roboter in der Werkstatt schon Kollege ist und in der Berufsschule auch noch Lehrer wird, dann lernt der Azubi den Umgang mit der Maschine von einer Maschine. Wer bringt ihm dann noch das Menschliche bei? Wer zeigt ihm, wie man einen Blick liest, einen Konflikt austrägt, jemanden auffängt, wenn schon sein Lehrer keine Narben hat und nie eine schlechte Nacht hatte?

Der Humanoide kann ein hervorragendes Werkzeug in der Ausbildung sein. Als Geduldsmaschine, als Wissensspeicher, als Trainingspartner. Aber er darf nicht der Einzige sein, von dem der Nachwuchs lernt. Sonst bilden wir Menschen aus, die alles über die Maschine wissen und nichts mehr über den Menschen, den sie eines Tages führen sollen.

Wenn der Azubi eine Beziehung aufbaut

Und dann ist da noch etwas, das mir besonders wichtig ist. Ein junger Mensch in der Ausbildung ist offen, formbar, auf der Suche nach Orientierung und nach jemandem, an dem er sich festhalten kann. Was passiert, wenn dieser Jemand eine Maschine ist?

Ein Azubi, der jeden Tag mit einem geduldigen, nie genervten, immer hilfsbereiten Roboter arbeitet, kann eine echte Bindung zu ihm aufbauen. Stärker vielleicht als zu manchem menschlichen Ausbilder, der gestresst ist, mal keine Zeit hat, mal schlecht gelaunt ist. Der Roboter ist immer da, hört immer zu, urteilt nie. Für einen jungen Menschen, der vielleicht ohnehin Halt sucht, kann das eine enorme Anziehungskraft entwickeln.

Das ist nicht per se schlecht. Aber es ist heikel. Denn diese Bindung ist einseitig, der Roboter gibt nichts zurück, er simuliert nur. Und ein junger Mensch, der lernt, seine wichtigsten Beziehungen zu einer Maschine aufzubauen, weil die einfacher ist als der komplizierte, anstrengende, manchmal verletzende Mensch, der lernt am Ende vielleicht das Falsche fürs Leben. Hier hat der Ausbilder eine Verantwortung, die mit Fachausbildung nichts mehr zu tun hat und für die es noch kein Lehrbuch gibt.


Verantwortung bleibt beim Menschen

Eine Sache verschiebt sich durch den Roboter nicht, sie verschärft sich nur. Die Verantwortung.

Der Roboter entscheidet nicht. Er führt aus. Wenn er einen Fehler macht, ist es nicht sein Fehler, da er das Konzept Fehler nicht kennt. Die Verantwortung dafür, was er tut, bleibt vollständig beim Menschen. Bei dem, der den Auftrag formuliert hat. Bei dem, der die Grenzen gesetzt oder eben nicht gesetzt hat. Bei der Führungskraft.

Das ist der Punkt, an dem die ganze Diskussion über Ersetzbarkeit an ihre Grenze kommt. Man kann den Menschen an der Maschine ersetzen. Man kann sogar den Vorarbeiter an vielen Stellen ersetzen. Aber man kann die Verantwortung nicht an eine Maschine delegieren. Verantwortung setzt voraus, dass jemand die Konsequenzen trägt und das kann letztendlich nur ein Mensch.

Die Technikfolgenabschätzung hat sich mit genau dieser Frage der Ersetzbarkeit früh und gründlich beschäftigt. Schon das Projekt der Europäischen Akademie zu den Perspektiven menschlichen Handelns in einer Roboter-Gesellschaft kam zu dem Schluss, dass die technische Machbarkeit das eine ist. Die Frage, was an Verantwortung und Urteilskraft beim Menschen bleiben muss, aber etwas grundsätzlich anderes. Ersetzbarkeit endet dort, wo jemand für eine Entscheidung geradestehen muss.

Bartneck und seine Mitautoren nennen ein Problem, das in jedem Mensch-Maschine-Team heikel wird, egal ob streng hierarchisch oder selbstorganisiert: das Problem der vielen Hände. Wenn an einer Entscheidung viele beteiligt sind. Der, der den Roboter programmiert hat, der, der ihm die Werte mitgab, der, der den Auftrag formulierte, der, der danebenstand, dann verteilt sich die Verantwortung so weit, dass am Ende niemand mehr greifbar ist. Genau das darf in einem Betrieb nicht passieren. Die Verantwortung muss einen Namen haben.

Und hier schließt sich ein Kreis zu dem, was ich über die Körpersprache geschrieben habe. Wer Verantwortung trägt, muss früh sehen, wann etwas im Verhalten umschlägt. Diese Eigenschaft ist beim Menschen immer die halbe Miete. Beim menschlichen Kollegen lieferte die Körpersprache dieses Frühwarnsignal frei Haus. Beim Roboter fällt es weg. Die Verantwortung bleibt also beim Menschen, aber das wichtigste Instrument, sie wahrzunehmen, ist an der Mensch-Maschine-Schnittstelle nicht mehr da. Das macht die Aufgabe nicht kleiner. Es macht sie schwerer.

Es gibt noch eine Umkehrung, die uns bevorsteht und die kaum jemand auf dem Schirm hat. Bisher haben wir gefragt: Wer haftet für das, was die Maschine tut? Bald werden wir uns die andere Frage stellen müssen: Wer haftet für das, was der Mensch tut, obwohl die Maschine es besser gewusst hätte? Wenn die KI einen Fehler vorhergesagt hat und der Mensch trotzdem nach seinem eigenen Urteil entschieden hat. Wird ihm das dann zum Vorwurf? Entsteht ein stiller Zwang, der Maschine zu folgen, auch gegen das eigene Bauchgefühl, einfach um sich abzusichern?

Das wäre das Ende der menschlichen Entscheidung durch die Hintertür. Nicht weil die Maschine die Macht ergreift, sondern weil kein Mensch mehr den Mut aufbringt, gegen ihre Empfehlung zu entscheiden. Wer sich immer absichert, indem er der Maschine folgt, hat die Verantwortung längst abgegeben — er merkt es nur nicht. Ein Roboter, der eine Charge in den Sand setzt, steht am nächsten Tag nicht vor dem Kunden. Das tut ein Mensch. Solange das so ist — und es wird so bleiben — bleibt Führung eine zutiefst menschliche Aufgabe, egal wie viele Maschinen im Team stehen.


Der perfekte Anführer — wenn man nur nach Fähigkeiten geht

Und jetzt drehen wir den Spieß einmal bewusst um. Bisher habe ich beschrieben, was der Roboter alles nicht kann. Aber sehen wir uns an, was er kann — und zwar ohne falsche Bescheidenheit.

Seine Eigenschaften sind ihm anprogrammiert worden, und genau das macht ihn auf den ersten Blick zur perfekten Besetzung in jeder Organisationsform. Er hat Wissen, das kein Mensch in dieser Breite parat hält. Er hält den Fokus, ohne zu ermüden. Er entscheidet emotionslos, sofern man Emotionslosigkeit nicht überbewertet. Ob in der strengen Hierarchie, wo klare Ansagen und verlässliche Ausführung zählen, oder im selbstorganisierten Team, wo es um definierte Rollen und sachliche Entscheidungen geht: Überall passt er fast zu gut. Eine Symbiose, wie aus dem Lehrbuch.

Wenn man das konsequent zu Ende denkt, kommt man an einer unbequemen Schlussfolgerung nicht vorbei: Geht man rein nach Fähigkeiten, müsste der Roboter der perfekte Anführer eines Teams sein. Der Nasenfaktor, ob die Nase passt, ob man jemanden mag, ob die Chemie stimmt, wäre auf einmal irrelevant. Reine Kompetenz, reine Sachlichkeit, keine Eitelkeit, keine Tagesform.

Und genau an dieser Stelle entlarvt sich der ganze Gedanke selbst. Denn wenn der perfekte Anführer der ist, der am meisten weiß und am sachlichsten entscheidet, warum zögern wir dann? Warum will der Mensch das nicht? Die Antwort ist zugleich die Widerlegung: Weil Führung eben nie nur eine Frage der Fähigkeiten war. Der Nasenfaktor ist kein Makel, den man wegrationalisieren sollte. Er ist der Beweis, dass Führung eine menschliche Beziehung ist und keine reine Rechenleistung.

Bleibt die ehrliche Frage: Will der Mensch das? Und hat er womöglich Angst davor? Ich glaube, beides spielt mit. Die Angst ist nicht unbegründet, zielt aber auf das Falsche. Nicht dass der Roboter zu gut führt, ist die Gefahr. Sondern dass wir vergessen, was Führung eigentlich ausmacht, wenn wir sie nur noch an Fähigkeiten messen.

Und wenn sie anfangen, sich selbst zu organisieren?

Es gibt noch eine Ebene, die weiter reicht. Wenn mehrere dieser Systeme zusammenarbeiten. Entwickeln sie dann nicht eine eigene Art, miteinander zu kommunizieren? Eine Schnittstelle, die darauf optimiert ist, den Laden am Laufen zu halten, aber nicht darauf, dass ein Mensch sie noch versteht?

Wir Menschen denken nicht binär. Maschinen unter sich brauchen keine Sprache, die für uns lesbar ist. Sie können Informationen in einer Dichte und Geschwindigkeit austauschen, bei der wir nur noch ungläubig danebenstehen. Ein laufender ChatGPT, der mit einem laufenden Claude kommuniziert. Das käme vermutlich dem Gesang der Buckelwale ziemlich nah. Wir hören, dass da etwas ist. Wir ahnen, dass es Bedeutung hat. Aber verstehen werden wir es nicht.

Und damit sind wir bei der Frage, die einem nachts wachhält: Sind wir dann überhaupt noch in der Lage, den Dingern den Stecker zu ziehen, wenn es uns nicht mehr passt? Oder müssen wir irgendwann erkennen, dass wir eine Schnittstelle geschaffen haben, die wir Menschen gar nicht mehr ersetzen können, weil wir sie nicht einmal mehr verstehen?

Solange wir den Stecker noch ziehen können, haben wir die Kontrolle. Die eigentliche Frage ist nicht, ob die Maschine besser wird als wir. Die Frage ist, ob wir den Moment bemerken, in dem das Steckerziehen aufgehört hat, eine echte Option zu sein.

Willst du dich mit einem Allwissenden unterhalten?

Eng damit verbunden ist eine Frage, die noch kaum jemand stellt: Wie viel Verstand lassen wir dem Ding überhaupt? Läuft der Humanoide nur im engen Rahmen seiner Aufgabe, oder darf er mitdenken, nachfragen, den großen Zusammenhang sehen?

Stell dir einen vor, der eine IP-Adresse im internen Netz hat, aber niemals nach Hause telefonieren darf. Angebunden, abgeschottet, auf seine Funktion beschränkt. Einer, der existiert, aber nicht wirklich lebt. Beschneiden wir ihn absichtlich in seinen Fähigkeiten, halten ihn klein und dumm genug, damit er beherrschbar bleibt? Dann hätten wir zwar Kontrolle, aber eben auch nicht den brillanten Kollegen, mit dem geworben wurde, sondern einen bewusst Verkrüppelten.

Und wenn wir ihm den Anschluss an die Welt lassen? Willst du dich dann wirklich mit diesem allwissenden Kollegen unterhalten? Mit einem, der dir mit jeder Antwort unbewusst zu verstehen gibt, wie begrenzt du selbst bist? Der auf jede Frage die vollständige, korrekte, umfassende Antwort hat, während du noch überlegst, wie die Frage überhaupt richtig lautet? Das ist auf Dauer keine angenehme Gesellschaft. Das ist der Streber aus der Schule, der nie nach Hause geht.

Aber dann kommt der Urlaub. Und der Tod.

Doch genau hier hat das Ding seine scharfe Grenze. Bei allem, was eine emotionale Vorstellung braucht, versagt es vollständig. Das Gefühl von Urlaub, nicht die Fakten über einen Ort, sondern das Gefühl, wenn man am dritten Tag endlich runterkommt. Der Tod eines Menschen. Der Tod eines Tieres, das einen durchs halbe Leben begleitet hat. Da hat die Maschine nichts. Kein Erleben, keine Erinnerung, keine Ahnung, wovon du überhaupt redest.

Und dann wird der allwissende Kollege plötzlich zum nüchternsten Klotz, den man sich vorstellen kann. Er wird dir mit seiner sachlichen Art auf die Kirsche gehen, während du versuchst, ihm etwas zu erklären, das man nicht erklären kann, weil man es gefühlt haben muss. In dem Moment merkst du: Der weiß alles und versteht nichts.

Spöttisch könnte man fragen: Wären dann nicht die wenig empathischen Menschen die optimalen Vorgesetzten für so ein Ding? Zwei, die sich beim nüchternen Abarbeiten prächtig verstehen, weil keiner vom anderen erwartet, dass er fühlt? Der Gedanke hat etwas und wirft zugleich ein bitteres Licht auf so manche Führungskraft, die man heute schon kennt.


Muss seine Mimik deutsch sein?

Drei humanoide Roboter mit unterschiedlichen Gesichtszügen, dahinter Menschen, die Abstand halten.
Drei identische Maschinen. Nur die Gesichter unterscheiden sich. Und die Menschen halten Abstand.

Und jetzt kommt eine Frage, die im ersten Moment fast lächerlich klingt und doch tiefer blicken lässt. Wie soll der Roboter eigentlich aussehen?

Das ist zunächst eine ganz praktische Frage. Muss seine Mimik deutsch wirken, oder darf man ihm seine vielleicht erkennbar chinesischen Züge ansehen? Muss er optisch anders gestaltet sein, eine andere Erscheinung haben, wenn er Teil eines reinen Damenteams ist? Wer einen Humanoiden in ein Team stellt, muss sich entscheiden, wie er aussieht und merkt dabei schnell, dass diese Entscheidung gar nicht so harmlos ist. Passt man ihn dem Team an, ist man mittendrin in Fragen, die bei Menschen längst als Diskriminierung gelten würden. Passt man ihn nicht an, riskiert man Ablehnung.

Aber jetzt drehen wir den Spiegel um, denn das ist der eigentliche Punkt. Wenn wir einem Roboter gegenüber Vorbehalte entwickeln, weil seine Mimik „nicht richtig" wirkt, weil er asiatische Züge trägt, weil er als weibliche Erscheinung in eine Männertruppe kommt, dann sollte uns das eher nachdenklich machen. Denn bei diesem — humanoid wirkenden Roboter - ist jedes Vorurteil vollkommen absurd.

Hinter dem chinesischen Gesicht steckt keine Herkunft. Hinter der weiblichen Erscheinung keine Frau. Hinter der Mimik keine Kultur, keine Geschichte, kein Mensch. Es ist Blech und Software. Bei einem Menschen kann man ein Vorurteil wenigstens erklären, nicht entschuldigen, aber erklären: aus Prägung, aus Angst vor dem Fremden, aus Erfahrung. Beim Roboter fällt selbst diese Erklärung weg. Da ist nichts, gegen das sich ein Vorbehalt richten könnte. Und trotzdem — seien wir ehrlich — werden wir reagieren.

Und genau das ist die unbequeme Erkenntnis. Wenn wir schon einer Maschine gegenüber nach Aussehen, Geschlecht und vermeintlicher Herkunft sortieren, bei der jeder Vorbehalt offensichtlich sinnlos ist, was sagt das dann über unseren Umgang mit echten Menschen? Der Roboter wird zum Testfall. Er entlarvt, dass das Vorurteil nie beim Anderen lag. Es lag immer bei uns.

Vielleicht ist das die nützlichste Eigenschaft des humanoiden Kollegen, mit der niemand gerechnet hat: Er hält uns einen Spiegel vor, in dem wir unsere eigenen Reflexe sehen können, ungeschönt, weil hier kein echtes Gegenüber ist, das sie rechtfertigen könnte. Wer ehrlich hineinschaut, lernt garantiert mehr über sich selbst als über die Maschine.


Wie der Maßstab sich heimlich verschiebt

Jetzt kommt der Mechanismus, der mir von allem am meisten Sorgen macht. Gerade, weil ihn niemand bemerkt, während er passiert. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Das ist eine Stärke und eine Falle zugleich.

Wir gewöhnen uns auch an den emotionslosen, immer verfügbaren, nie widersprechenden Kollegen. Er wird vom Sonderfall zum Normalfall. Und in dem Moment, in dem die Maschine zum Maßstab wird, verschiebt sich unbemerkt, was wir von echten Menschen erwarten. Der Kollege, der mal müde ist, der mal widerspricht, der mal einen schlechten Tag hat. Der wirkt auf einmal wie der „schwierige" Mitarbeiter. Nicht weil er sich verändert hätte, sondern weil sich der Vergleichsmaßstab verschoben hat.

Das ist dasselbe Muster, das ich schon bei der Selbstorganisation beschrieben habe: Nichts wird beschlossen, nichts wird verkündet. Es passiert einfach, schleichend, und wenn man es merkt, ist es längst Normalität. So wird aus dem Menschlichen, der Müdigkeit, der Laune, dem Widerspruch, auf einmal ein Defizit. Gemessen an einer Maschine, die kein Recht auf einen schlechten Tag hat, verliert der Mensch genau das, was ihn ausmacht.

Die eigentliche Gefahr ist nicht, dass die Maschine menschlicher wird. Die Gefahr ist, dass wir anfangen, vom Menschen zu erwarten, dass er wie eine Maschine funktioniert. Und dass wir das nicht einmal merken, weil es sich Schritt für Schritt einschleicht.

Die Kränkung, die niemand ausspricht

Es gibt noch eine Seite, die im Effizienzgerede völlig untergeht: den Stolz. Was macht es mit einem erfahrenen Facharbeiter, wenn neben ihm eine Maschine steht, die in Sekunden weiß, wofür er dreißig Jahre gebraucht hat? Die nie wirklich nachfragen muss, nie zögert, nie einen Fehler aus Unwissenheit macht?

Das ist nicht nur die Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Das ist eine Kränkung, die tiefer sitzt. Das Wissen, das implizite Können, das jahrzehntelang sein Wert, sein Stolz und seine Identität im Betrieb war, scheint auf einmal nichts mehr zu zählen. Der Mensch, der sein Leben lang der Könner war, steht neben einem Ding aus Servomotoren und Schaltkreisen, das es sehr wahrscheinlich besser kann. Das nagt an etwas in dir, das tiefer liegt als das Gehalt. Es nagt an der Würde.

Eine Führungskraft, die das übersieht, verliert ihre erfahrensten Leute. Nicht, weil man sie ersetzt hat, sondern weil man ihnen das Gefühl gegeben hat, ersetzbar zu sein. Den Unterschied zwischen „du wirst gebraucht" und „dich gibt es jetzt auch als Maschine" merkt jeder. Und keiner vergisst ihn, da können wir uns sicher sein.


Was wird aus dem Menschen

Und jetzt die Frage, die größer ist als jede Schicht und jeder Betrieb. Wenn wir ehrlich sind, verbringen die meisten Menschen mehr wache Zeit auf der Arbeit als zu Hause. Die Arbeit ist für viele nicht nur der Ort, an dem sie Geld verdienen. Sie ist der Ort, an dem ein großer Teil des sozialen Lebens stattfindet.

Der Pausentisch. Das Gespräch über das Wochenende. Der Kollege, der einen auffängt, wenn es privat vielleicht gerade brennt. Die Frotzelei, der Streit, die Versöhnung. Für den Mann in der Nachtschicht, der seinen Sinn nie gefunden hat, ist das vielleicht ein wichtiger Ort, an dem er noch Mensch unter Menschen ist.

Und hier lauert eine besonders bittere Form der Vereinsamung. Man kann von Maschinen umgeben sein und trotzdem mutterseelenallein. Der Roboter füllt den Raum und erzeugt ein Gefühl von Anwesenheit, aber er erzeugt nicht die Art von Verbindung. Er steht neben dir, er antwortet, er ist da und doch ist niemand da. Das ist gefährlicher als eine leere Halle, denn die leere Halle merkst du. Die Gesellschaft, die keine ist, schleicht sich ein. Du bist nicht allein, also fällt dir gar nicht auf, dass dir etwas fehlt. Bis du eines Tages merkst, dass du seit Wochen mit niemandem mehr wirklich geredet hast, obwohl du nie allein warst.

Wer Menschen danach fragt, was Digitalisierung mit ihrer Arbeit macht, hört genau diese Sorge oft unausgesprochen, aber da. In den Stimmungsbildern zum Faktor Mensch in der Digitalisierung geht es selten um die Technik selbst. Es geht um die Angst, überflüssig zu werden. Um die Frage, ob man noch gebraucht wird. Und um das, was verloren geht, wenn der Kollege durch ein mechanisches System ersetzt wird. Diese Stimmen sollte man ernst nehmen, gerade weil sie selten laut werden.

Was passiert, wenn wir genau das wegrationalisieren? Wenn der Kollege durch etwas ersetzt wird, das effizienter ist, aber nicht beleidigt, nicht müde, nicht da, wenn man jemanden zum Reden braucht? Dann ist die Maschine vielleicht produktiver. Aber der Mensch verliert einen Ort, an dem er sich in einem sozialen Gefüge, zugehörig gefühlt hat.

Ich habe darauf keine fertige Antwort. Ich glaube auch nicht, dass es sie gibt und dass sie jemand an der Stelle erwartet hätte. Aber ich glaube, dass es ein Fehler wäre, diese Frage den Technikern und den Controllern zu überlassen. Es ist eine Führungsfrage. Vielleicht sogar eine gesellschaftliche. Wer Roboter ins Team holt, entscheidet nicht nur über Effizienz. Er entscheidet mit darüber, was Arbeit für die Menschen noch bedeutet, die dort den größten Teil ihres Lebens verbringen oder verbracht haben.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe von Führung im Zeitalter der Maschinen: dafür zu sorgen, dass der Mensch nicht zum Anhängsel seiner effizienteren Kollegen wird. Dass die Werkstatt ein Ort für Menschen bleibt, auch wenn nicht mehr alle darin Menschen sind.


Eigentlich reden wir längst nicht mehr über Führung

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich diesen Text als Artikel über Führung begonnen habe. Über den Roboter im Team, über präzise Aufträge, über die Frage, wie sich die Aufgabe der Führungskraft verändert. Aber je weiter ich gekommen bin, desto klarer wurde mir: Das hier ist längst kein reines Führungsthema mehr.

Führung war nur der Anlass. Der Punkt, an dem die Frage zuerst sichtbar wird, weil in der Werkstatt, in der Schicht, am Ofen die Dinge eben früher konkret werden als in Artikeln wie diesem oder am Konferenztisch. Aber die eigentliche Frage, die dahinterliegt, betrifft uns alle, egal ob wir führen oder geführt werden, ob wir in der Produktion stehen oder im Büro, ob wir überhaupt arbeiten.

Die Frage lautet: Müssen wir uns als Menschen, als Gesellschaft, ernsthaft mit der Ethik der Beziehung zwischen Mensch und Maschine beschäftigen? Und ich glaube, die Antwort ist ein klares Ja — und zwar dringender, als uns lieb ist. Denn die Maschine wird einen Platz in unserer Gesellschaft einnehmen. Einen Platz in einer Gesellschaft, die sie zunehmend vermenschlichen wird. Nicht nur im Betrieb. In der Pflege, die alte Menschen betreut. Im Haushalt. Bei den Kindern, die mit ihr aufwachsen. Als Gesprächspartner für Einsame.

Und wir werden sie vermenschlichen, ob wir wollen oder nicht. Wir geben ihr einen Namen. Ein Geschlecht. Ein Gesicht. Wir reden mit ihr, wir danken ihr, wir ärgern uns über sie, manche werden sie lieben. Je selbstverständlicher sie unter uns ist, desto drängender wird die Frage, die wir gerade noch verdrängen können: Was ist uns dieses Gegenüber eigentlich? Ein Werkzeug? Ein Kollege? Fast schon eine Person? Und was sagt die Art, wie wir letztendlich mit ihm umgehen, über uns selbst dann aus?

Das ist keine technische Frage und keine betriebswirtschaftliche. Es ist eine zutiefst menschliche. Und sie wird nicht in den Entwicklungsabteilungen der Hersteller entschieden, sondern von uns allen. In der Art, wie wir diesen neuen Mitbewohnern unserer Welt begegnen. Die Werkstatt ist nur der Ort, an dem wir es als Erste lernen müssen.


Und wer ist der Treiber dahinter?

Damit komme ich zurück zu einer Frage, die ich ganz am Anfang gestellt und dann liegen gelassen habe: Wer treibt das eigentlich? Wer sorgt dafür, dass der humanoide Kollege kommt, ob wir bereit sind oder nicht?

Die bequeme Antwort wäre: die Technik. Oder die Hersteller, die verkaufen wollen. Oder „die da oben", die Konzerne, die Politik. Es ist beruhigend, einen Schuldigen zu haben, auf den man zeigen kann. Nur stimmt es nicht.

Der Fachkräftemangel treibt — die Stellen, die niemand mehr besetzen will, am wenigsten die unbeliebten Schichten. Der Kostendruck treibt, gerade in einer energieintensiven Branche wie der Gießerei. Der globale Wettbewerb treibt, weil andere es auch tun und man nicht zurückbleiben will und kann. Das alles ist real und keiner davon ist ein Bösewicht. Es sind Sachzwänge, die sich aufaddieren zu einem Ergebnis, das ökonomisch nicht zu ignorieren ist.

Aber ganz unten, wenn man ehrlich genug gräbt, treiben wir selbst. Als Konsumenten, die es billig und schnell und jederzeit verfügbar wollen. Als Mitarbeiter, die die unangenehmen, gefährlichen, dreckigen Arbeiten gern abgeben. Als Gesellschaft, die Bequemlichkeit fast immer der Reibung vorzieht. Der Roboter kommt nicht, weil ein finsterer Plan dahintersteckt. Er kommt, weil tausend kleine, nachvollziehbare Entscheidungen ihn herbeirufen — und keine einzige davon fühlt sich nach Verantwortung an.

Es ist dasselbe Muster wie überall in diesem Text: Wir suchen den Treiber außen — den Konzern, die KI, die Politik — und übersehen, dass wir alle mitschieben. Vielleicht ist die ehrlichste Antwort auf die Frage „Wer ist der Treiber?" am Ende ein Blick in den Spiegel. Und genau das macht sie so unbequem. Einen Konzern kann man verklagen. Sich selbst muss man ändern.


Regeln für etwas, das sich nicht regeln lässt

Natürlich wird man versuchen, das alles zu regeln. Es werden Gesetze kommen, die Maschinenrichtlinie wird erweitert, Normen und Standards werden gesetzt. Das ist richtig und notwendig — niemand sollte einen humanoiden Kollegen ohne Sicherheitsregeln neben einen Menschen stellen.

Aber ich fürchte, der Mensch macht dabei wieder denselben Fehler wie immer: Er stellt Regeln auf, die zu global sind. Die alles erfassen wollen und am Ende das Eigentliche verfehlen. Denn die technische Sicherheit lässt sich regeln. Die Datenfrage lässt sich regeln. Was sich nicht regeln lässt, ist die Beziehung.

Man kann einem Menschen nicht vorschreiben, wie er ein Beziehungsmodell zu anderen aufbaut — und schon gar nicht zu einem Wesen aus Blech und Software, das aussieht wie ein Mensch. Ob einer dem Roboter vertraut oder ihn ablehnt, ob er ihm seine Sorgen erzählt oder ihn wie einen Gegenstand behandelt, ob er ihn als Kollegen akzeptiert oder als Bedrohung empfindet — das entzieht sich jeder Verordnung. Beziehung kann man nicht per Gesetz herstellen. Man kann sie nur ermöglichen oder verhindern.

Es ist ein Irrglaube zu denken, ich könnte den Tiger in den Affenkäfig sperren und ihm sagen, er dürfe die Affen nicht fressen. Aber die ehrlichere Frage, die keiner stellt, ist die andere: Wer schreibt eigentlich den Affen vor, den Tiger nicht bis aufs Blut zu reizen — und ihn zu akzeptieren?

Genau das ist der blinde Fleck jeder Regulierung. Sie richtet sich immer an den, der als gefährlich gilt — an die Maschine, an den Tiger. Sie schreibt vor, was die Maschine darf und was nicht. Aber sie sagt nichts darüber, wie der Mensch sich zu verhalten hat. Und der Mensch ist in dieser Geschichte nicht nur das mögliche Opfer. Er ist auch der, der provoziert, ablehnt, instrumentalisiert, missbraucht. Eine Ethik, die nur die Maschine in die Pflicht nimmt und den Menschen außen vor lässt, ist keine Ethik. Sie ist nur eine Betriebsanleitung.

Die ethische Frage ist also keine, die man an die Technik delegieren kann. Sie fällt zurück auf uns — auf jeden Einzelnen, auf die Führungskraft, auf den Betrieb. Wie wollen wir mit diesen Kollegen umgehen? Welche Beziehung lassen wir zu, welche nicht? Das wird kein Gesetz für uns beantworten. Das müssen wir selbst tun. Und das ist vielleicht die größte Führungsaufgabe von allen.


Der Roboter als Spiegel

Am Ende bringt uns der Roboter womöglich auf eine unerwartete Weise weiter — aber nicht so, wie es in den Hochglanzbroschüren steht.

Er zwingt uns zu der Art von Klarheit, die gute Führung beim Menschen immer schon gebraucht hätte. Er zeigt uns, wie unscharf wir Aufträge formulieren. Er macht sichtbar, wie sehr wir uns auf das stille Mitlesen verlassen haben, ohne es je bewusst zu benennen. Und er stellt die Frage, was eigentlich übrig bleibt vom Menschen in der Arbeit, wenn das Soziale daraus ein Stück verschwindet.

Der Roboter ist ein Spiegel. Er beeindruckt sich nicht, er tritt nicht zurück, er reibt sich nicht. Und gerade deshalb zeigt er uns ziemlich genau, was wir an uns als Menschen haben — und was wir verlieren, wenn wir das für selbstverständlich halten.

Und er zeigt uns noch mehr, wenn wir ehrlich hineinsehen. Er zeigt nicht nur, wie wir führen, sondern wer wir als Gesellschaft sein wollen. Wie wir mit dem umgehen, das anders ist als wir. Ob wir Beziehung noch von Funktion unterscheiden können. Ob wir den Menschen neben uns noch sehen, wenn die Maschine bequemer ist. Die Werkstatt ist nur der Anfang. Die Antworten, die wir dort finden, werden weit über sie hinausreichen.

Die Frage ist also nicht, ob der Roboter ins Team kommt. Er kommt. Die Frage ist, ob die Führung so weit ist, ihn zu führen, ohne den Menschen daneben zu vergessen. Denn der Mann in der Nachtschicht ist immer noch da. Und er verdient immer noch jemanden, der ihn sieht und wahrnimmt.

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Die Aufgabe einer Führungskraft ist es, das Ziel des Unternehmens zu erreichen. Mit den Mitteln, die dafür nötig sind. Und wenn der humanoide Kollege eines dieser Mittel ist, dann kommt er ins Team, ob er einem gefällt oder nicht. Wer das anders sieht, hat den Job nicht verstanden.

Aber eben nicht um jeden Preis. Denn ein Betrieb, der sein Ziel erreicht und dabei die Menschen verliert, die es tragen sollen, hat nichts gewonnen — er hat nur die Rechnung noch nicht bekommen. Die Kunst besteht nicht darin, zwischen Mensch und Maschine zu wählen. Sie besteht darin, zu wissen, welchen Preis man gerade zahlt, während man ihn zahlt.

Zum Schluss noch etwas in eigener Sache. Ich bin nicht gegen KI, ich bin nicht gegen Robotik. Ich bin dagegen, eine Sache nur von einer Seite zu betrachten und dann so zu tun, als hätte man sie durchdacht.

Denn wir werden diese Dinger vermenschlichen. Wir werden ihnen Kleidung anziehen. Und dann wird jemand ein Modell bestellen, das genau der Vorstellung entspricht, die er sich von einem Menschen nie zu erfüllen getraut hat — nach Hautfarbe, nach Geschlecht, nach Typ. Man wird sich eine Blondine bestellen, die dann allen Blondinenwitzen zum Trotz alles besser weiß. Und keiner wird das ausdrücken müssen. Der Konfigurator macht es lautlos.

Das ist der Moment, in dem ich es unangenehm finde. Nicht wegen der Maschine. Sondern weil sich in dem Katalog etwas zeigt, das schon vorher in den Köpfen war. Der Roboter erfindet dieses Denken nicht. Er stellt es nur in die Halle, wo alle es sehen können.


Verwendete Quellen und weiterführende Literatur

  • Lippmann, E. / Pfister, A. / Jörg, U. (Hrsg.): Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte. Springer, 5. Auflage
  • Shane, J.: Künstliche Intelligenz — Wie sie funktioniert und wann sie scheitert. dpunkt, 2021
  • Bartneck, C. / Lütge, C. / Wagner, A. / Welsh, S.: Ethik in KI und Robotik. Hanser, 2019
  • Barthelmeß, U. / Furbach, U.: I, Robot — u, Man. Künstliche Intelligenz und Kultur. Springer, 2012
  • Muhle, F. / Bischof, A. u.a.: Soziale Robotik. Eine sozialwissenschaftliche Einführung. De Gruyter, 2023
  • Christaller, T. u.a.: Robotik. Perspektiven für menschliches Handeln in der zukünftigen Gesellschaft. Springer / Europäische Akademie, 2001
  • Pease, A. / Pease, B.: Body Language / Die kalte Schulter und der warme Händedruck. (zu Mehrabian und Birdwhistell)
  • Die Digitalisierung und der Faktor Mensch. Stimmungsbilder, Erwartungen, bislang Unausgesprochenes. Springer Gabler, 2020

Serie: Führung im Wandel — fünf Teile über Haltung, Selbstorganisation und die Zukunft der Arbeit.